Wednesday, 18 February 2026

Grenzen der Menschheit

 



Wenn der uralte,

Heilige Vater

Mit gelassener Hand

Aus rollenden Wolken

Segnende Blitze

Über die Erde sä’t,

Küss’ ich den letzten

Saum seines Kleides,

Kindliche Schauer

Tief in der Brust.


Denn mit Göttern

Soll sich nicht messen

Irgend ein Mensch.

Hebt er sich aufwärts

Und berührt

Mit dem Scheitel die Sterne,

Nirgends haften dann

Die unsichern Sohlen,

Und mit ihm spielen

Wolken und Winde.


Steht er mit festen,

Markigen Knochen

Auf der wohlgegründeten

Dauernden Erde;

Reicht er nicht auf,

Nur mit der Eiche

Oder der Rebe

Sich zu vergleichen.


Was unterscheidet

Götter von Menschen?

Dass viele Wellen

Vor jenen wandeln,

Ein ewiger Strom:

Uns hebt die Welle,

Verschlingt die Welle,

Und wir versinken.


Ein kleiner Ring

Begränzt unser Leben,

Und viele Geschlechter

Reihen sich dauernd

An ihres Daseins

Unendliche Kette.





Johann Wolfgang von Goethe

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